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Canyon-Krise? Unternehmensgründer Roman Arnold meldet sich zu Wort
In einem vorgestern (6. Januar) veröffentlichten Artikel in der britischen Wirtschafts- und Finanzzeitung »Financial Times« bestreitet der seit September letzten Jahres wieder als Executive Chairman ins operative Geschäft zurückgekehrte Canyon Bicycles GmbH-Gründer Roman Arnold, dass sich sein Unternehmen in einer Krise befindet. Genau dieser Eindruck entstand Anfang November. Damals veröffentlichte die belgische Beteiligungsgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert SA (GBL) als Canyon-Mehrheitseigner die Zahlen der ersten drei Verkaufsquartale 2025.
In Koblenz zu Hause: der weltweit agierende Fahrrad-Direktanbieter Canyon Bicycles GmbH.Foto: Canyon Bicycles

Wie der RadMarkt damals berichtete, lag der Canyon-Umsatz der ersten neun Monate 2025 im Vergleich zu 01-03/2024 mit seinen 611 Millionen Euro einstellige 7 Prozent zurück – mit Blick auf die aktuelle Branchensituation ein gar nicht mal so schlechtes Ergebnis. Dafür rutschte aber das Betriebsergebnis vor Steuern und Zinsen (EBITDA) in den ersten drei Verkaufsquartalen 2025 im Vergleich mit satten 29 Prozent in den Keller.

Spricht Tacheles: der seit September 2025 als Executive Chairman wieder eine operative Rolle in dem von ihm gegründeten Unternehmen Canyon Bicycle GmbH einnehmende Roman Arnold.Foto: Canyon Bicycles

Roman Arnold hält dagegen: trotz eines erwarteten Umsatzrückgangs vom 5 Prozent im Kalenderjahr 2025 würde der Jahres-Gesamtumsatz seines Unternehmens mit fast 750 Millionen Euro immer noch fast doppelt so hoch wie vor dem Fahrrad-Boom in der Corona-Zeit ausfallen. Schon oft hatte der RadMarkt darauf hingewiesen, dass man die Kirche im Dorf lassen und die aktuellen Zahlen nicht mit denen der geradezu ausufernden Boomjahren vergleichen, sondern in Relation mit dem Vor-Coronajahr 2019 stellen sollte. Dann sieht die Welt auch schon wieder ganz anders aus.
In der »Financial Times« geht Arnold sogar noch einen Schritt weiter: bis 2028 strebt er einen jährlichen Canyon-Umsatz von etwa 1 Milliarde Euro an: »Ich glaube, dass wir einen Umsatz von 1 Milliarde Euro erreichen können.« Diese Schallmauer sei allerdings kein festes Ziel. Der Schwerpunkt müsse mehr auf »profitableren Wachstum« liegen.
Zurück auf das Wesentliche, das die Marke groß gemacht hat
Wie man dieses erreichen kann? Hier verweist der Canyon-Gründer zum einen auf die sich in den letzten Jahren veränderte Unternehmenskultur: »Hier und da haben sich interne Silos gebildet, und wir sind ein wenig bürokratisch geworden.«
Da die Premiummarke wie viel andere auch seit dem Ende des Pandemie-Booms zu kämpfen hat, verspricht Arnold internen Bürokratieabbau und sich mit Canyon als D2C-Marke wieder auf ihre langjährige Stärke zu konzentrieren – nämlich Premium-Fahrräder zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten. So habe man auch schon einige Preissenkungen vorgenommen. Die würden zwar die Gewinnmargen beeinträchtigen – niedrigere Listenpreise zu weniger Rabatten würden aber letztendlich die Kundenbindung stärken.
»Das Direktvertriebs-Modell verschafft uns einen Preisvorteil. Es ist sehr wichtig, dass Canyon in diesem Licht gesehen wird«, unterstreicht Arnold. So werden die Koblenzer auch schon in Kürze eine neue Serie leichter High-End-E-Bikes zu wettbewerbsfähigen Preisen auf den Markt bringen.
Fokus Kerngeschäft
Weitere Änderungen: nicht zum Kerngeschäft gehörende Bereiche wie zum Beispiel die eigene Streetwear-Marke werden gestrichen und die Anzahl der Modelle im Urban-Cycling-Sortiment halbiert.
Letzteres heißt aber nicht, dass die Marke Canyon mit ihren Wurzeln im Radsport das Thema Urban links liegen lässt. Der Canyon-Chef ist überzeugt, dass es im Canyon-Sortiment auch Platz für leichte, langlebige Citybikes gibt.
Zudem hat der deutsche Direktanbieter im letzten Jahr wie vom RadMarkt berichtet auch eine erste eigene Niederlassung in China eröffnet. Überhaupt hat nicht nur Canyon Asien als (Zukunfts-)Absatzmarkt und nicht nur Produktionsstätte für sich entdeckt. Zudem wurde auf dem Heimatmarkt Deutschland die Präsenz im stationären Fachhandel ausgebaut. Dazu gesellen sich auch zwei eigene Stores in Frankfurt und München.
Letztendlich betont der Canyon-Gründer und Executive Chairman, dass er sich mit seinen Aussagen auf eine mittelfristige Vision konzentriert, die eher mehrere Jahre umfasst. Kurzfristigen Erfolgen wolle man nicht hinterherjagen.
Allerdings kann sich Roman Arnold auch nicht ganz frei machen von den Quartalsergebnissen, die der Canyon-Hauptaktionär GBL Schwarz auf Weiß vorgelegt hat. Die Beteiligungsgesellschaft kann mit der aktuellen Situation nicht zufrieden sein. Das haben sich die Belgier nach ihrem Ende 2020 angekündigten und im ersten Jahresquartal 2021 vollzogenen Canyon-Einstieg sicherlich ganz anders vorgestellt – vor allem, nachdem das anfangs mit der Corona-Zeit so unglaublich aufwärts ging. Diese Zeiten sind unwiderrufbar vorbei. Das sollte auch dem Mehrheitseigener einleuchten.

Text: Jo Beckendorff

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