Am Rahmen des zurückgerufenen Modells können potenziell gefährliche Rahmenrisse im Bereich der Schweißverbindung zwischen Steuerrohr und Unterrohr auftreten. Betroffene Räder sollen nach rund 2.500 Kilometern Fahrleistung Ermüdungsrisse entwickeln, die im schlimmsten Fall zu einem plötzlichen Rahmenbruch führen können.
Belastungsknoten im Vorderbau
Laut dem öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Mikromobilität, Ernst Brust, liegt die Schadensanfälligkeit in einer ungünstigen Kombination mehrerer Faktoren:
Tiefeinsteiger-Bauform – Das fehlende Oberrohr bedeutet, dass Biege- und Torsionskräfte fast vollständig über das Unterrohr aufgenommen werden müssen.
Starrgabel – Ohne Federweg gelangen Stöße und Schlagimpulse ungefiltert in den Rahmen.
Scheibenbremse vorne – Erzeugt deutlich höhere Bremsmomente, die direkt am Steuerrohr-Unterrohr-Knoten angreifen.
Hoher Reifendruck – Vom Hersteller empfohlen, um den Rollwiderstand zu minimieren, verstärkt jedoch Stoßimpulse auf unebenen Wegen.
Schweißverfahren – Die Verbindung zwischen Steuerrohr und Unterrohr wird in einem 180°-Schweißgang von 12 Uhr bis 6 Uhr ausgeführt. Start- und Endpunkte dieser Naht – sogenannte Einbrandzonen – liegen genau in der Belastungsfaser.
Das sei konstruktiv ungünstig, da Schweißbeginn und -ende in hochbelasteten Zonen zu Kerbspannungen führen. Besser wäre es aus Brusts Sicht, Schweißungen stets in der neutralen Faser zu beginnen und zu beenden.
Herstellermaßnahmen
Cowboy hat eine kostenlose Rahmenersatz-Aktion gestartet. Nutzer können über die Cowboy-App oder ein Onlineformular prüfen, ob ihr Rad betroffen ist. Vorrangig werden Räder getauscht, die bereits mehr als 2.500 Kilometer gelaufen sind. Während der Wartezeit wird kein Ersatzfahrrad bereitgestellt.
Belgische Zeitung sieht schwierige Lage bei Cowboy
Der Rückruf könnte nach Expertenschätzung Kosten im wenigstens fünfstelligen Bereich verursachen. Das käme dem Hersteller eher ungelegen, da er Medienberichten zufolge sich ohnehin in einer herausfordernden Lage befindet. Es geht um ausbleibende Lieferungen, unzufriedene Kunden, Rückrufaktionen und finanzielle Unsicherheit, analysiert die belgische Zeitung De Tijd laut dem niederländischen Portal Nieuwsfiets.eu. Der geplante Aufbau eines Händlernetzes stocke noch. Auch seien bis 31. Juli keine Jahreszahlen für 2024 veröffentlicht worden.
Gewinnzone vermutlich nicht erreicht
Das Startup Cowboy wurde 2017 von Adrien Roose, Tanguy Goretti und dem inzwischen verstorbenen Karim Slaoui gegründet. Dabei gelang es Cowboy laut Nieuwsfiets, mehr als 134 Millionen Euro Kapital einzusammeln, unter anderem von Index Ventures und Exor. Die Gewinnzone wurde aber offenbar nicht erreicht; Nieuwsfiets spricht von einem kumulierten Nettoverlust von fast 100 Millionen Euro zwischen 2017 und 2023.
2022 verkleinerte der Anbieter sein Vertriebsgebiet und ging auf den Fachhandel zu, den man bisher ausgespart hatte. Angeblich sind bis zu 200 Betriebe Partner der Marke. Doch dass der Online-Vertrieb parallel mit Rabatten weiterlief, gefiel den stationären Partnern nicht unbedingt.
Endverbraucher sollen zudem mit dem Service nicht zufrieden sein. Die Verlagerung der Montage von Tschechien nach Frankreich könnte zu längeren Lieferzeiten beigetragen haben.
Der Bericht der belgischen Zeitung listet diverse weitere Probleme auf. Im Detail lassen sie sich bei Nieuwsfiets.eu nachlesen.
