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Leistungsboom bei E-Bikes: Brust sieht Branche auf falschem Kurs
Der zunehmende Wettbewerb um höhere Leistungs- und Drehmomentwerte bei Pedelec-Antrieben stößt auf wachsende Kritik. Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität, sieht in der Entwicklung ein grundlegendes Problem für Fahrverhalten und Einordnung von Pedelecs im Straßenverkehr.
Steigende Leistungswerte bei E-Bike-Antrieben: Sachverständiger Ernst Brust fordert Grenzen für die Beschleunigung statt weiterer Watt-Steigerungen. Der für Bosch angegebene Wert ist eine Annahme.Foto: Ernst Brust / Velotech.de

Aus Sicht von Ernst Brust hat sich der Markt von der ursprünglichen Idee der unterstützenden Antriebe entfernt. Stattdessen dominiere ein Wettbewerb um immer höhere Kennzahlen, der die tatsächliche Fahrdynamik ausblende.

„Das ist kein technischer Fortschritt mehr, sondern ein aus dem Ruder gelaufenes Watt-Wettrüsten. Immer höhere Drehmoment- und Spitzenleistungswerte machen ein Pedelec nicht automatisch besser, sondern vor allem aggressiver im Anfahrverhalten. Wer so weitermacht, verschiebt das Fahrzeugkonzept Schritt für Schritt weg vom Fahrrad und hinein in eine Grauzone, die weder regulatorisch noch verkehrssicher sauber beantwortet ist.“

Beschleunigung als entscheidender Faktor

Brust argumentiert, dass nicht Leistungswerte, sondern die Beschleunigung im realen Fahrbetrieb maßgeblich sei. In Modellrechnungen steigt diese bei leistungsstarken Mittelmotoren deutlich an. Während ein klassisches Fahrrad etwa 0,41 m/s² erreicht, liegen entsprechende Werte bei starken Antrieben bei bis zu 2,14 m/s². Auch bei moderateren Systemen mit 75 Nm ergibt sich mit rund 1,25 m/s² bereits eine mehr als dreifache Beschleunigung.

Zum Vergleich: Für Pedelecs bis 25 km/h wird ein Bereich von 0,5 bis 1,2 m/s² als typisch angesehen. Aus Sicht von Brust überschreiten aktuelle Entwicklungen zunehmend diese Bandbreite.

Als Orientierung schlägt er eine maximale Beschleunigung von 0,835 m/s² bis 25 km/h vor. Diese entspreche einer Fahrzeit von rund 3,98 Sekunden auf 6,6 Meter aus dem Stand und könne als technischer Referenzwert dienen.

Neue Antriebsgenerationen als Indikator

Die aktuelle Marktentwicklung wird durch neue Antriebssysteme zusätzlich unterstrichen. So hat Avinox jüngst mit den Modellen M2S und M2 eine neue Generation vorgestellt, die mit bis zu 1.500 Watt Spitzenleistung und 150 Nm Drehmoment arbeitet. Auch im OEM-Bereich gewinnt der Anbieter an Bedeutung: Nach Avinox-Angaben setzen inzwischen mehr als 60 Fahrradmarken auf die Systeme. Für Brust ist diese Entwicklung ein Beleg für die zunehmende Fokussierung auf Leistungskennzahlen im Wettbewerb der Hersteller.

Regulatorischer Handlungsbedarf

Der Sachverständige sieht darin nicht nur eine technische, sondern auch eine regulatorische Herausforderung. Mit steigender Anfahrdynamik werde die Abgrenzung zwischen Fahrrad, Pedelec und motorisierten Fahrzeugen zunehmend unscharf.

Aus seiner Sicht brauche die Branche daher klare Grenzen für das Fahrverhalten statt weiterer Leistungssteigerungen. Ohne entsprechende Leitplanken drohe eine Entwicklung, die die ursprüngliche Funktion des Pedelecs als unterstütztes Fahrrad in Frage stellt.

 

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