Europäische Fahrrad-Verbände schnüren Marktstudie bis 2030

10.12.2020
Muss marktnahe Kapazitäten erhöhen: die hiesige Fahrradindustrie.

Das von der World Bicycle Industry Association (WBIA) in Zusammenarbeit mit der World Federation of the Sporting Goods Industry (WFSGI) am 2. Dezember veranstaltete und von den europäischen Fahrrad-Verbänden Cycling Industries Europe (CIE), European Cyclists Federation (ECF), Confederation of the European Bicycle Industry (CONEBI) sowie dem US-Fahrrad-Lobbydach PeopleForBikes unterstützten Webinar »Bike Market Outlook & Perspectives« fand in einer Zeit statt, in der die Fahrrad-Branche mit der grassierenden Corona-Pandemie im Rücken einen nie da gewesenen Boom erfährt. So fallen auch die von den drei oben genannten europäischen Fahrrad-Verbänden vorgelegten Aussichten für den Fahrradmarkt Europa bis zum Jahr 2030 unter Berücksichtigung der Auswirkungen der Pandemie auf das Mobilitätsverhalten weitaus positiv aus.

Laut einer Studie des genannten Verbands-Dreigestirns kann die Branche in den kommenden zehn Jahren von einem enormen Wachstumsschub ausgehen. Genauer sind die vorgelegten Prognosen das Ergebnis der CIE/ECF-Expertengruppe »Market Impact and Intelligence Expert Group«. Sie sieht sich als Branchen-Denkfabrik, die »führende strategische Führungskräfte und Analysten aus allen Bereichen des Radfahrens« anziehen soll. Um seine Erfahrungen mit Brancheninformationen aus nationalen Verbänden der Fahrradbranche und der europäischen Marktberichterstattung einzubringen, hat sich auch CONEBI dieser Gruppe in diesem Jahr als Partner angeschlossen. Gemeinsam hat man es sich zur Aufgabe gemacht, »Daten zu sammeln und Erkenntnisse zu gewinnen, die genaue Marktprognosen, eine stärkere Förderung der Branche und bessere Informationen für die Branche sowie für NGOs, politische Entscheidungsträger und Investoren ermöglichen«.
Goldene Zukunft?
So prognostizieren die Verbands-Experten aufgrund des veränderten Mobilitätsverhalten der Konsumenten bis zum Jahr 2030 einen um rund 10 Millionen Einheiten angewachsenen Fahrrad-Verkauf auf 30 Millionen Einheiten (siehe unten erste Graphik). Wenn es denn so kommt, wäre das im Vergleich zu den Verkaufszahlen 2019 ein Plus von 47 Prozent. Und: mit insgesamt 30 Millionen pro Jahr wäre der Fahrradverkauf mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der derzeit in der EU pro Jahr zugelassenen Personenkraftwagen.
Wachstumstreiber E-Bike
Wachstumstreiber sind natürlich E-Bikes. Hier gehen die Verbands-Experten von einem Anstieg von 3,7 Millionen Einheiten im Jahr 2019 auf 17 Millionen Einheiten im Jahr 2030 aus. Dabei beruft sich die Studie auf das E-Bike-Wachstum von diesjährigen 23 Prozent (im Vergleich zu 2019) – »und das trotz Corona-bedingter Ladenschließungen im Frühjahr«. Zudem könnte die Schallmauer von 10 Millionen verkauften E-Bike laut Studie bereits 2024 geknackt werden.
Konventionelle Bikes auf Erholungskurs?
Ein weiterer Befund der Studie: der Abverkauf konventioneller Fahrräder wird in den kommenden Jahren nicht mehr so stark unter der Konkurrenz von E-Bikes leiden wie bisher. Heißt, dass die Fahrrad-Verbände für die drei kommenden Jahre von einer Stabilisierung des Marktvolumens ausgehen - und danach eine weniger starke Fahrrad-Verkaufsabnahme als in den vergangenen Jahren erwarten: »Und das, obwohl in zehn Jahren wohl weniger Fahrräder ohne ‚e‘ verkauft werden dürften.«
Alles unter der Voraussetzung dass…
Kleiner Pferdefuß: Diese Prognosen beruhen auch auf der Annahme, dass weiter in die Fahrrad- und E-Bike-Infrastruktur investiert und somit Radfahren für alle sicherer gemacht wird. Aber auch hier sind die Studien-Macher optimistisch: So seien alleine in Europa seit März 2020 an die 2.300 Kilometer Fahrradweg-Maßnahmen angekündigt sowie 1 Milliarde Euro investiert worden (siehe dazu auch unten zweite Graphik).
Was laut einigen Studien-Kritikern auch nicht berücksichtigt wurde und man durchaus hätte in Betracht ziehen sollen: nachdem in diesem Jahr die Urlaubskasse wegen Corona nicht geplündert wurde und alternativ unter anderem auch in Fahrrad- und E-Bike-Verkäufe floss, stellt sich die Frage, ob im kommenden Jahr (und darüber hinaus) wieder eine nicht genutzte Urlaubskasse bereit steht, wenn die Konsumenten bereits entweder in Kurzarbeit sind oder (im schlimmsten Fall) bereits ihren Job verloren haben. Da könnte auch eher »hamstern« angesagt sein…
Knackpunkt Fertigungskapazitäten: europäische Fahrrad-Industrie muss kräftig nachziehen
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Immerhin weist die Studie darauf hin, dass die Fahrrad-Industrie – um das von ihr prognostizierte Wachstum überhaupt stemmen zu können - in den Ausbau ihrer Fertigungskapazitäten investieren müsse: »Der durch Antidumping-Strafzölle der EU verstärkte Trend zum ‚Reshoring‘ - also der Rückverlagerung der Produktion von China nach Europa zwecks Erhöhung der Flexibilität, Verringerung der Lieferzeiten und Vermeidung von Zöllen - dürfte daher noch eine ganze Weile anhalten.« Gespannt sein dürfe man zudem, ob der Ausbau der Fertigungskapazitäten auch Investoren von außerhalb der Velobranche anlocken wird.
Mehr Info zur Studie auf den jeweiligen Verbandsseiten www.cyclingindustries.com, www.conebi.eu und www.ecf.com.

Text: Jo Beckendorff, Foto: Gazelle, Graphiken: 1x CIE/ECF/CONEBI, 1x Google Maps

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