FBB-Projekt in Bielefeld macht Senioren mobil

07.01.2020
Stefan Mielke, FBB-Vorsitzender, freut sich über den Twister von Draisin.

Dank der Initiative des Vereins »Fahrräder bewegen Bielefeld« (FBB) haben Senioren und andere Menschen mit eingeschränkter Mobilität nun die Möglichkeit, sich per Fahrrad chauffieren zu lassen. Mit Hilfe von Spendengeldern wurde ein Zweisitzer von Draisin angeschafft. In das Projekt sind auch AWO und Freie Scholle involviert.

FBB war ursprünglich gegründet worden, um Geflüchtete mobil zu machen. Der Verein sammelt ausrangierte Fahrräder, bereitet sie in einer Werkstatt auf und vergibt sie an Bedürftige. Dies sind schon seit einiger Zeit nicht mehr nur Geflüchtete, weil hier eine Grundversorgung allmählich erreicht wird, nicht mehr so viele neue Menschen aus anderen Ländern nachkommen und der Blick auch auf andere Gruppen gerichtet wird, die sich sonst kein Fahrrad leisten können. Darüber hinaus werden weitere Bedürfnisse in der Gesellschaft analysiert und angegangen.
Das Projekt Sattelbar soll Mobilität im Quartier zeitgemäß verbessern. In Gesprächen mit der Arbeiterwohlfahrt Bielefeld und der Wohnungsbaugenossenschaft Freie Scholle wurde die Idee einer »Sattelbar« entwickelt, eines Anlaufpunktes für Mobilität in einem Wohnquartier, das dadurch aufgewertet wird. Lokal verankerte Wohn-Anbieter wie Freie Scholle oder BGW in Bielefeld wollen ihre Wohnungen nicht mehr mit Parkplätzen ausstatten, sondern durch eine hervorragende Anbindung an den ÖPNV und indem man Möglichkeiten rund ums Fahrrad schafft. Danach fragen auch zunehmend die Mitglieder der freien Scholle.

Quartier mit hoher Qualität

Das Begegnungszentrum der AWO an der Meinolfstraße im Osten Bielefelds ist ohnehin schon ein Schmelztiegel der Aktivitäten von Arbeiterwohlfahrt und Freie Scholle. Das Zentrum bietet Raum für kulturelle Veranstaltungen und Nachbarschaftspflege, die umliegenden barrierefreien Wohnungen gehören der Freien Scholle. Der Innenhof und der angrenzende kleine Park schaffen ein familiäres Ambiente. In den Komplex ist ein Friseurgeschäft integriert, ein Wochenmarkt ist in der Nähe. Alles ist auf kurze Wege eingerichtet.
Trotzdem muss oder will man auch mal weiter hinaus, braucht mehr Mobilität – auch wenn es aus eigener Kraft nicht mehr so gut läuft. Das ist bei den Bewohnern rund um die Meinolfstraße gerade ein Thema. FBB entwickelte daher das Konzept der »Sattelbar« im Quartier, das drei Möglichkeiten bieten soll: Werkstatt (teils auch zur Selbsthilfe), Ausleihe von Lastenrädern für den privaten Gebrauch und das, was jetzt zuerst realisiert wurde: Die Anschaffung eines Tandems zum Nebeneinandersitzen mit Fahrservice.

Fahrzeug nur mit Chauffeur

Das Modell Twister von Draisin macht einen Unterschied zwischen Pilot und Co-Pilot, der auch in seinen Möglichkeiten eingeschränkt sein kann; so war der erste gebuchte Kunde blind. Daher braucht es einen erfahrenen Piloten, den ebenfalls FBB durch seine Kontakte vermittelt hat. Reinhard Marx hat rund 30 Jahre Erfahrung als Krankenpfleger in Gilead und weiß, wie man mit Menschen mit Behinderungen umgeht. Zugleich ist er fahrradaffin und vermag mit dem Twister umzugehen, der sich anders fährt als ein normales Fahrrad. Deswegen soll in der Startphase ausschließlich Marx das Gefährt lenken oder Hamza Al Cherif, der stellvertretender FBB-Vorsitzender ist. Eine freie Ausleihe der Draisin ist zunächst nicht vorgesehen.
Übrigens: Je nach eigenem Vermögen kann der Co-Pilot durchaus mittreten und ein natürliches Fahrgefühl genießen. Kommt von ihm weniger Input, wird der Pilot sich dank E-Motor nicht überanstrengen, der aus zwei Akkus gespeist wird. So kann man einen Ausflug in die Natur gestalten, aber auch einen Verwandten- oder Arztbesuch.

Spenden machten es möglich

Das ganze Projekt gibt es nicht umsonst, und ohne Spenden wäre das Projekt überhaupt nicht zustande gekommen, da allein die Draisin mit fast 10.000 Euro zu Buche schlägt und für die laufende Betreuung auch der Werkstatt Arbeit anfällt (so soll mindestens eine 16i-Stelle nach dem Teilhabechancengesetz geschaffen werden). Den größten Betrag spendete die Diamant Software, zu den Spendern zählte aber auch die Leasingfirma Jobrad, bei der der FBB-Vorsitzende Stefan Mielke bis vor kurzem beschäftigt war. Weitere Spender waren Active Sportshop und drei Bielefelder Stiftungen: die Stadtwerke-Stiftung, die Bürgerstiftung und die Gemeinschaftsstiftung Freie Scholle.
»Fahrräder bewegen Bielefeld« hat sich mit diesem Projekt auch für den Deutschen Fahrradpreis beworben.

Text/Fotos: Michael Bollschweiler

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